Das Leben als Geniekind

June 16th, 2008

Damals als junge Frau hatte ich beruflich immer wieder meine Stelle gewechselt. Mir wurde jede Arbeit schnell langweilig, oft schon nach Wochen oder Monaten. Die längste Zeit hielt ich in der damaligen Swissair aus, als Stellvertreterin des Chefs in der internen Postabteilung.


Damals, im Herbst 1956 erhielt ich diese Stelle, obwohl ich von der Ausbildung her dafür nicht qualifiziert war. Vorher hatte ich einen Intelligenz-Test zu absolvieren, man behielt mich länger als vorgesehen, auch noch den ganzen Nachmittag. Am Ende sagte man mir, noch nie hätte jemand diese Tests so gut bestanden, sie wollten mir eine Chance geben, mich zu entwickeln.

Mein eigener Gedanke war damals, ich erinnere mich noch gut daran: “also bin ich doch nicht so dumm wie man von mir immer behauptet hat”. In der Swissair gefiel es mir ausserordentlich gut, ich blieb die Rekordzeit von fast drei Jahren (die Swissair zählte damals um die 4000 Mitarbeiter, der Betrieb mit Düsenflugzeugen wurde gerade intensiv vorbereitet). Ja, damals fanden wir junge Frauen mit einem Abschluss als Verkäuferin innerhalb einer Stunde eine Bürostelle.

Ein paar Jahre später meldete ich mich bei der SBB, als Betriebs-Sekretärin im Basler Bahnhof. Wieder machten Psychologen eine Reihe von Tests. Diesmal war die Rückmeldung klarer: “Fräulein, sie sind ein abverheites Genie, wir geben ihnen eine Chance … usw”, (das sei jemand, der als Genie geboren wurde, sich aber überhaupt nicht entwickeln konnte, erklärte er noch weiter).

Mit dem Fachausdruck Genie konnte ich immer noch nichts anfangen, ausser dass man eben nicht so blöd sei (nicht so blöd wie die anderen, psst, das darf man nicht laut sagen … das dachte ich nur).

Noch einige Jahre später war ich mit meinem Mann in Genf. Er studierte Kinderpsychologie, ich war freie Zuhörerin ohne Matura. Aber auch da wurde der Begriff Genie nicht weiter erläutert, es ging darum, als Betriebspsychologe die Leute am geeignetsten Platz einzusetzen

Mein damaliger Mann war vielleicht auch ein Genie, jedenfalls hatte er nach anderthalb Jahren genug vom Studium … “jetzt lerne ich nichts mehr Neues, die Professoren antworten mir immer, diese Fragen kämen erst in zwei-drei Jahren zur Sprache” … er hatte die Nase voll vom studieren, wir zogen ab, veränderten unser Leben, Mai68 dämmerete schon am Horizont.

Erst zwanzig Jahre später wurde der Begriff Genie aktikuliert, aber ausserhalb des akademischen Betriebes. Uns gewöhnlichem Volk gegenüber scheint das auch heute noch ein Tabuthema zu sein. Aber immerhin erfuhr ich, was ein Genie sein könnte, was man sich darunter vorstellen würde, hätte man Zeit dafür.

Auf der populären Seite läuft hauptsächlich, das Geniekinder von ihren Schulkameraden gehänselt und gemobt werden, falls sie es nicht schaffen, ihr Genie zu verbergen, zu verleugnen, oder so einzusetzen, dass kein einziger Dummkopf Angst bekommt. Viele dümplen als unterdurchschnittliche Schüler dahin, schaffen gerade noch die Versetzung in die nächste Klasse, so wie ich damals … und langweilen sich …

… verdammt nochmals, ist dieses Leben langweilig! … diese Dummköpfe, … diese zugeschnürten Vollidioten, die haben ja keine Ahnung, was es ist, wenn man sich immer ständig unterdrücken muss, damit man nicht wieder eine auf den Deckel bekommt …

… das Leben ist grausam, das hört nie auf … doch … irgendwann gibt man einfach auf …

Dies war meine Kindheit.

Heute habe ich beim Räumen eine alte Arbeit gefunden. Vor zwanzig Jahren versuchte ich, angestachelt durch einen Fernkurs fürs Schreiben, mit einem Roman herauszutüfteln, wie Genies und Nichtgenies miteinandere kutschieren könnten, so dass beide Menschengruppen zufrieden ihr Potential leben und die Nichtgenies sich nicht bedroht fühlen (Kinder, welche einen Genie-Klassenkameraden mobben, zeigen diesen Aspekt, welche Erwachsene ‘natürlich’ leugnen. Wäre ja politisch nicht korrekt, nicht wahr. Uebrigens, haben sie gemerkt, dass ich Genies immer männlich bezeichne? Weibliche Genies werden erst seit kurzer Zeit überhaupt beachtet … und auch da nur in ‘nützlichen’ bzw. anerkannten Tätigkeiten wie Musik oder Schachspielen).

Nun, mein Roman wurde nie fertig. Zwar fand ich die ersten Dreiviertel sehr gut, da war Witz und Leben drinn, aber im letzten Viertel, nach dem Plotpoint, wurde er unerträglich. Ich war nicht fähig, mir ein Ende vorzustellen, mit dem ich selber auch einverstanden und zufrieden war.

Heute sehe ich, mein Fehler war damals, statt ein offenes Ende zuzulassen versuchte ich, ein konstruiertes Ende als Lösung für mich selber zu finden … so eine Wunschvorstellung, wie es denn hätte laufen müssen … und so war nichts gut genug. Das Ende verlief immer im Sand, in allen Varianten. Zuletzt liess ich den Roman wieder liegen.

Leider ist heute mein Kopf auch nicht mehr der frischeste und vonwegen Genie würde ich wahrscheinlich keine Tests mehr bestehen. Ich werde alt, wenn nicht gerade die Blogs etwas Frisches brauchen, hänge ich am liebsten einfach nur herum … ja, ich bin richtig faul geworden. Und jetzt diesen ganzen Roman neu durcharbeiten? Eventuell sogar fertig schreiben? So toll fertig schreiben, dass er auch mir selber gefallen würde?

Aber die Idee von damals bleibt: wie können Genies und Nichtgenies so miteinander leben, dass Geniekinder sich nicht mehr unterdrücken müssen? Ich rede hier nicht vom Volkswirtschaftlichen Schaden, vom vergeudeten Potential. Ich rede von der normalen Lebensqualität, ein Recht auch für Geniekinder.

Heute sehe ich das grösste Hindernis nicht nur in der Schule, und in den schon auf zwangsneurotische Richtigmacherei programmierten – und deshalb intolerant gewordenen – Schulkammeraden, sondern im Elternhaus. Mütter können ein Geniekind vollständig fertig machen, wenn es nicht so funktionniert, wie sie es sich vorstellen. Und Geniekinder funktionnieren anders.

Wenn jetzt aber die Mutter eine Vollzeit-Zwangsneurotikerin ist, hat ein Geniekind nichts mehr zu lachen. Es kann nur noch den Schwanz einziehen und sich unterdrücken, oder rebellieren.

Ich habe damals beides gemacht. Und das ist die schlimmste Variante. Weil man da nicht ungeschädigt wieder herauskommt.

Ich träume von einem Zusammenleben, das aus einem Potential ein lebenswertes Leben macht. Für uns alle. Sogar für Vollblutneurotikerinnen, die Muttersein zum eigenen Lebensziel machten, und welche diesem Ziel das Kind zwangsläufig unterwerfen.

..

Comments are closed.