Entscheidendes TV-Duell in Frankreich: Verachtung und Abscheu

May 4th, 2012

Auf Spiegel Online /Politik, von Mathieu von Rohr /Paris, 3. May 2012:

Es war die aggressivste Debatte, die es in einem französischen Präsidentschaftswahlkampf je gab: Nicolas Sarkozy wollte unbedingt den Befreiungsschlag gegen seinen Herausforderer François Hollande. Er provozierte, agitierte. Und wurde Opfer seiner eigenen Taktik … //  

… Sich an einem Flamby die Zähne ausgebissen:

Seine Gegner hatten Hollande stets als “weich” verlacht, sie verspotten ihn als “Flamby”, nach einem Wackelpudding. Nach der Debatte schrieb ein Kommentator treffend auf Twitter: “Das war das erste Mal, dass sich jemand an einem Flamby die Zähne ausgebissen hat.”

Hollande parierte nicht nur Sarkozys Angriffe, sondern ging mit voller Kraft in die Offensive und konfrontierte den Präsidenten immer wieder mit seiner Bilanz, etwa mit den hohen Arbeitslosenzahlen und mit der Staatsschuld. Es gelang ihm dennoch, präsidialer zu wirken als Nicolas Sarkozy.

Hollandes Sieg vollzog sich auf der symbolischen Ebene. Je länger der Abend dauerte, desto mehr schien es, als vollziehe sich hier gerade ein Rollentausch, als sei der Kandidat bereits Präsident. In einem rhetorisch meisterhaft einstudierten Moment gegen Ende der Sendung ergriff Hollande das Zepter: Auf die Frage, was für ein Präsident er wäre, sagte er: “Ein Präsident, der die Franzosen respektiert. Kein Präsident, der Chef von allem sein will und der am Ende für nichts verantwortlich ist.”

Hollande: Ich als Präsident:

Darauf begann er 15 Mal hintereinander einen Satz mit der gleichen Formel: “Ich als Präsident der Republik – würde meinen Premierminister nicht wie einen Mitarbeiter behandeln. Ich als Präsident der Republik – würde nicht Spenden für meine Partei sammeln. Ich als Präsident der Republik – würde die Justiz unabhängig arbeiten lassen. Ich als Präsident der Republik – würde nicht den Hochmut besitzen, die Chefs des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu ernennen. Ich als Präsident der Republik – würde sicherstellen, dass mein Verhalten jederzeit vorbildlich wäre.”

Hollande setzte sich damit verbal bereits selbst ins Amt und malte sich zugleich als das Gegenbild von Sarkozy: als “normaler Präsident”. Dies war sein gewagtester Moment, aber auch sein stärkster. In der Nacht auf heute kursierte auf Twitter bereits ein mit Sound von Daft Punkt unterlegter Remix dieses Monologs: “Moi, président de la république”.

Ausgerechnet an dieser bedeutsamen Stelle unterbrach ihn Sarkozy einmal nicht. Er unternahm im Verlauf des Abends auch nicht den Versuch, sich den Franzosen bei diesem letzten großen Auftritt als geläutert zu präsentieren – obwohl sie ihn in ihrer Mehrzahl gerade wegen seines persönlichen Verhaltens ablehnen. Er versprach ihnen nicht, ein anderer Präsident zu sein, wenn er wiedergewählt werden sollte, geschweige denn, sympathisch zu wirken. Vielleicht dachte er, dass ihm das die Bürger ohnehin nicht abnehmen würden. Er wollte die Debatte zu einem Wettstreit der Kompetenz machen, doch am Ende war sie eben doch ein Wettstreit der Persönlichkeiten.

Sarkozy: Letzter Appell an die Wähler der Rechstpopulistin Le Pen:

Während Sarkozy sich zu einem Opfer der Medien und der Sozialisten stilisieren wollte, gab Hollande den Landesvater: Er wolle die Menschen “zusammenbringen”, sagte er, und zum Schluss, schon fast im Hermelinsmantel eines französischen Monarchen, sprach Hollande davon, dass er den Franzosen “Hoffnung und Vertrauen” einflößen wolle. Die Wahl sei klar: “Wollen die Franzosen weitermachen mit einer Politik, die nicht funktioniert hat? Oder wollen sie den Wandel, wollen sie eine industrielle, wirtschaftliche und moralische Sanierung unseres Landes?” … (ganzer Text).

Links:

élection présidentielle 2012 – parodies – a selection on YouTube.

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