Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht

January 21st, 2011

Interview mit Michael Schmidt-Salomon* im Schweizer Tagesanzeiger, von Guido Kalberer (aktualisiert am 28.12.2010).

Grosse Fragen zum Jahreswechsel: Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon über Light-Christen, abgewürgte Aufklärung im Islam und übertriebene Toleranz
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Die Wiederkehr der Religionen heute muss ein Schock für einen Religionskritiker wie Sie sein. 

  • Nicht unbedingt, ich habe diese Entwicklung schon Anfang der Neunzigerjahre prognostiziert. Es war ersichtlich, dass die Säkularisierung kein linearer, sondern ein ambivalenter Prozess ist. Es gibt also nicht nur einen Trend weg von der Religion, sondern auch eine Bewegung hin zur Religion. In Westeuropa ist der Säkularisierungstrend allerdings stärker: Eine Umfrage in Deutschland zum Beispiel ergab, dass nur noch 23 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder an einen personalen Gott glauben – was immerhin eine Grundvoraussetzung dafür ist, um sich redlicherweise als Christ bezeichnen zu können.

Ist die Säkularisierungswelle noch grösser als die Religionswelle?

  • Für Europa gilt dies zweifellos. So gibt es in Deutschland bereits mehr konfessionsfreie Menschen als Katholiken oder Protestanten. Zudem stimmt die Mehrheit der Kirchenmitglieder nicht mehr mit den zentralen Dogmen des christlichen Glaubens überein. Die meisten Kirchenmitglieder sind bei genauerer Betrachtung Schein-Mitglieder, genauer gesagt: Taufschein-Mitglieder. Man hat sie als Säuglinge getauft, weshalb man sie religiösen Institutionen zurechnet. Doch die zentralen Auffassungen dieser Institutionen teilen sie nicht … //

… Bei aller Religionskritik gibt es für Sie aber auch eine rationale Mystik. Was meinen Sie damit?

  • In Anlehnung an Schleiermacher verstehe ich Mystik als «Sinn und Geschmack für das Unendliche». Wenn wir nachts in den Sternenhimmel schauen, bekommen wir einen Eindruck davon, wie unermesslich klein dieses Staubkorn im Weltall ist, das sich Erde nennt, und wie kurzlebig die biologische Gattung, der wir angehören. Wir sind eben nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen! Diese rationale Einschätzung hat enormen mystischen Gehalt, da sie den «Sinn und Geschmack für das Unendliche» fördert. Das gilt auch für die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung: Unser «Ich», das uns so ungemein bedeutsam erscheint, ist in Wahrheit nur ein virtuelles Theaterstück, das von einem blumenkohlförmigen Organ in unserem Schädel inszeniert wird. Diese wissenschaftliche Perspektive ist anschlussfähig an christliche Mystiker wie Meister Eckart, an Vertreter des ZenBuddhismus, des Sufismus im Islam oder des Advaita-Hinduismus.

Worin besteht der Unterschied zu übersinnlichen Erfahrungen religiöser Natur?

  • Als Naturalist nehme ich an, dass es im Universum mit «rechten Dingen» zugeht, dass weder Götter, noch Dämonen, noch Kobolde in die Naturgesetze eingreifen. Der Glaube an solch supranaturale Kräfte ist nicht notwendig, um mystische Einheitserfahrungen zu erleben. Ich meine sogar, dass die gängigen Dualismen von Gott und Welt, Subjekt und Objekt, Geist und Körper, Kultur und Natur, Gut und Böse es traditionellen Gläubigen erschweren, eine Verbindung zum Weltganzen zu spüren. Mystische Erfahrungen sind nämlich monistisch, nicht dualistisch – und diese Charakterisierung trifft auch auf die naturalistische Philosophie zu: Wir haben die Dualismen überwunden, glauben nicht mehr an ein Selbst, das als «unbewegter Beweger» durch die Welt geistert. Daraus lässt sich eine entspanntere Weltsicht ableiten. Kurz gefasst: Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelasseneres Selbst. Und wer sich nicht mehr schuldig fühlen muss, der zu sein, der er ist, kann leichter daran arbeiten, der zu werden, der er sein könnte. Das sind Kernsätze meiner «gottlosen», humanistischen Philosophie. Ähnliche Gedanken findet man schon bei religiösen Mystikern – eine Parallele, die mich immer wieder fasziniert.

(ganzes langes Interview).

* Michael Schmidt-Salomon sagt: Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen.

Link: Brauchen wir ein säkulares Leitbild? Auf Podcast.de /Entdecken, SWR2 – Forum,  vom 21. December 2010 /16:05 Uhr … Es diskutieren: Ingrid Matthäus-Maier – langjährige SPD-Politikerin, 1974 Mitverfasserin des FDP-Kirchenpapiers “”Freie Kirche im Freien Staat”, St. Augustin, Johannes Singhammer – stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, München, Serkan Toeren – FDP-Bundestagsabgeordneter, Hamburg/Stade.

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