Philosophisches Zauberstück

July 14th, 2011

Siehe auch auf unseren Blogs: zu Peter Sloterdjiks Buch die Verachtung der Massen. – Auf Deutschlandradio, von Michael Opitz, 14. Juli 2011, uu Peter Sloterdijk’s Essay Streß und Freiheit, erschienen im Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 60 Seiten. 

… Den westlichen Gesellschaften gelingt es, ihre Mitglieder stets aufs Neue dazu zu bewegen, sich einem täglichen “Selbsterhaltungsstreß” auszusetzen. Und dies, obwohl seit Rousseaus “Träumereien eines einsamen Spaziergängers” (1776/77) die Idee in der Welt ist, dass der Mensch schönstes Wohlgefallen dabei empfinden kann, wenn er träumt und ganz bei sich ist: wenn er sich den Zwängen der Gesellschaft entzieht.

Sloterdijk beschreibt Gesellschaften als “streß-integrierte Kraftfelder”, als “nach vorne stürzende Sorgen-Systeme”. Sie finden Sorgen heraufbeschwörende Themen und stiften so eine permanente Unruhe, sodass die Einzelnen zu einer “Erregungsgemeinschaft” zusammengeführt werden, wenn sie – erfasst von den Themen – darüber diskutieren. Sie tun es mit Eifer, gerade dann, wenn sie die Freiheit in Gefahr sehen.

Freiheit aber ist das Ergebnis einer kollektiven Empörung. Dabei geht er auf die Geschichte der schönen Lucretia ein, von der Titus Livius berichtet, dass sie von einem Königssohn zu sexuellen Handlungen gezwungen wurde. Bevor sie sich wegen der Schande selbst tötete, berichtete sie ihrem Vater und ihrem Mann, was sich ereignet hat. Daraufhin kam es zu einem Aufstand, der Tyrann wurde gestürzt und eine res publica gegründet. Sloterdijk beschreibt dieses Ereignis als die “erste Urszene” des europäischen Freiheitsbegriffs. Sie beruht auf Empörung, auf geteilter “Zornaufwallung” … //

… Sloterdijk ist ein philosophischer Zauberer, der es versteht, gänzlich unaufgeregt über Zorn und Empörung nachzudenken. Diese Leichtigkeit ist von enormer Nachhaltigkeit. Sie kommt einem Text zugute, der über enorme Sprengkraft verfügt. (Ganzer Text).

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